Zwei équipler queren in 6 Tagen zwei Mal den Alpenhauptkamm über die klassischen Ostalpenpäsee

Holzkirchen - Adria – Holzkirchen – 15.-21. Juli 2016

1607 1 Timmelsjoch eiskalt winterlich

1607 2 im Passeiertal vor Meran

 

 

 

 (Timmelsjoch eiskalt und winterlich / Passeiertal vor Meran)

 1607 3 Abfahrt Passo Manghen Trentino1607 4 Auffahrt Passo San Boldo Belluno

 

 

 

 (Abfahrt Passo Manghen, Trentino / Auffahrt Passo San Boldo, Belluno)

Es sollte eine klassische Alpentour werden: möglichst viel Freiheit durch wenig Gepäck, kein Begleitfahrzeug, keine fest gebuchten Quartiere – und damit ein klarer Gegenentwurf zu kommerziellen Rennveranstaltungen à la „TransAlp“. Aber natürlich gab es im Vorfeld eine detaillierte Etappenplanung und ein klares Ziel: mit dem Rennrad über die beiden höchsten Passübergänge des östlichen Alpenhauptkamms ans Meer und zurück, ein Ruhetag an der Adria inklusive. Auch zeitlich waren wir - Mike Forster und Andi Wüstefeld von der équipe vélo Oberland – recht flexibel: Um nicht auf Biegen und Brechen im Regen losfahren zu müssen, planten wir beide einen eineinhalbwöchigen Korridor. Und angesichts des Sommers 2016 war dieser dann auch tatsächlich notwendig, denn pünktlich zum vorgesehenen Start fiel die Schneefallgrenze auf unter 1.800 Meter Seehöhe. Nachdem der gröbste Teil des Schlechtwettergebiets abgezogen war, legten wir am 15. Juli los, allerdings bei immer noch trotz Hochsommer richtig herbstlichen Bedingungen: 8°C beim Start gegen 06:00 Uhr in Holzkirchen, 6°C und Nieselregen im Tiroler Leutaschtal, Minusgrade, eiskalter Nordwind, aber zum Glück trocken auf dem 2.500 Meter hohen Timmelsjoch. Mit nur 4 bis 8 kg Gepäck, von dem jedes Teil zuvor auf die Küchenwaage gelegt und intensiv auf Mitnahme überprüft wurde, kann man sich leicht ausmalen, dass es bei solchem Bedingungen schnell frisch werden kann auf dem Rad. Ein zweites Trikot und eine zweite Hose waren ja schon Luxusgegenstände. Der Alpenhauptkamm aber hielt, was er üblicherweise verspricht, nämlich eine Wetterscheide zwischen Nord und Süd zu sein und so konnten wir am Abend des ersten Tages im Südtiroler St. Leonhard bei wolkenlosem Himmel im Hotel einchecken. Von da an war die Sonne unser ständiger Begleiter, und dank des Nordföhns war es klar, nicht zu heiß und ein leichter Rückenwind bot sogar leichte Unterstützung auf den beiden folgenden Etappen an die Adria.

1607 5 Zieldrink Jesolo

 1607 6 Jesolo klassisch1607 8 Jesolo abends

 

 

 

 

 (Zieldrink Jesolo / Jesolo bei Tag und am Abend)

Dort war die Hochsaison in vollem Gange und der Ruhetag am Strand und im badewannewarmen Wasser war ein herrlicher Kontrast zur winterlichen Eiseskälte auf dem Timmelsjoch nur zwei Tage zuvor. Zurück ging es durch die venezianische und die friulanische Ebene in die heißen Berge der Südalpen. Dabei leisteten wir uns einen kleinen Haken, nämlich den Monte Zoncolan im Friaul: Angesichts einer Meereshöhe von 1.740 Meter und der bereits überfahrenen 2000er wirkte er vermeintlich harmlos. Aber der „Mont Ventoux des Friaul“ entpuppte sich als härtester Pass der Tour: 1.200 Höhenmeter im Aufstieg werden in gerade mal 9 Kilometern abgearbeitet, das ergibt eine dauerhafte (!) Steigung zwischen 14 und 18%. Nicht ohne Grund ist daher der Zoncolan Teil der italienischen Radsportlegende, Plakate von Heroen der Landstraße säumen die Passauffahrt. Zwischen 2003 und 2014 wurde er fünf mal vom Giro d’Italia befahren, und mit der von uns gemachten Erfahrung, unserem Leiden im Anstieg, wuchs unser Respekt vor der Leistung der Profisportler. Der Großglockner wurde dann – wieder bei herrlich klarem Wetter – zu unserem „Dach der Tour“. Da wir relativ spät dran waren, hatten wir auch nur sehr wenig Verkehr. Auf unser Gepäck, das wir wegen des schönen Wetters dann glücklicherweise doch unnötig durch die Alpen geschleppt hatten, mussten wir übrigens erst auf der Schlussetappe am Achensee und am Tegernsee doch noch einmal zurückgreifen, als uns das nordische Wetter mit – diesmal allerdings warmen – Regengüssen wieder begrüßte.

1607 9 Radsportkultur Auffahrt Passo Zocolan1607 10 Passo Zoncolan Friaul

 

 

 

 

Fazit: eine herrliche Tour, bei der man dank moderner Navigationssysteme und intensiver Vorbereitung der Routen mittels GPS-Tracks auch dem Verkehr besser auskommt als noch vor wenigen Jahren. So z. B. in der venezianischen und der friulanischen Ebene, aber auch auf den sehr gut ausgebauten und selbst für Rennräder gut nutzbaren Radwegen Südtirols, Italiens und Österreichs. Wenn man allerdings richtig einsam unterwegs sein möchte, ist man am besten mit den Bergen im Trentino und Friaul beraten.

1607 11 Auffahrt Grossglockner Suedseite1607 12 Grossglockner bei Hochtor

 

 

 

 

Es bleibt eine herrliche Erinnerung an eine – Gott sei es gedankt – völlig pannen- und vor allem unfallfreie Tour mit 12 Alpenpässen, 1.039 km und 15.000 hm in 6 Fahrtagen. Das entspricht einem täglichen Schnitt von 173 km und 2.500 hm. Kleinere Wehwehchen (z. B. an Andis Kniesehne) wurden unterwegs „auskuriert“, denn am Streckenrand lag auch die ein oder andere Apotheke. Auch das kurzfristige Suchen und Buchen von Quartieren funktionierte dank mobilem Internet und Smartphone bestens – wenngleich ein bis zwei Wochen früher noch besser gewesen wäre, da in Italien die Hochsaison schon begonnen hatte. Vielleicht fahren wir ja 2017 die Westalpenvariante – die Berge sollen ja angeblich noch eine Weile stehen... ;-)

1607 13 Abfahrt Grossglockner Nordseite am Abend

 

 

 

 

Gesamtstrecke zum Downloaden siehe hier: Holzkirchen - Adria - Holzkirchen

Etappen und Pässe:
Tag 1: Holzkirchen - St. Leonhard im Passeier (Südtirol): 214 km / 3.250 Höhenmeter
Pässe: Buchener Sattel (1.256m) / Timmelsjoch (2.474 m)

Tag 2: St. Leonhard - Bieno (Trentino): 136 km / 2.750 hm
Pässe: San-Lugano-Sattel (1.097m) / Passo Manghen (2.047m)

Tag 3: Bieno - Lido di Jesolo (Veneto): 170 km / 1.300 hm
Pässe: Passo San Boldo (706m)

Tag 4: Lido di Jesolo - Paluzza (Friaul): 183km / 2.200 hm
Pässe: Monte Zoncolan (1.740m)

Tag 5: Paluzza - Fusch a. d. Glocknerstr. (Salzburger Land): 133 km / 3.600 hm
Pässe: Plöckenpass (1.357m) / Gailbergsattel (981m) / Iselsberg (1.209m) / Großglockner (Hochtor, „Dach der Tour“: 2.504m)

Tag 6: Fusch - Holzkirchen: 204 km / 1.900 hm
Pässe: Gerlospass (1.531m) / Achenpass (941m)