426 Kilometer, 5200 Höhenmeter und drei Klimazonen an einem Tag

Südtirol Spritztour mit dem Rennrad   –  8. Juni 2014, Holzkirchen – Passeier Tal


140608 Südtirol-Tour AWüstefeld-StKrausNachdem sie vor einigen Jahren beim berühmten Ötztaler Radmarathon keinen Startplatz mehr bekamen, machten zwei Langstrecken-Radsportfans, der Holzkirchner Andreas Wüstefeld (42) von der équipe vélo und sein Dietramszeller Spezl Stephan Kraus (45) aus dem Nachbarverein RSLC, aus der Not eine Tugend. Kurzerhand investierten sie damals das Startgeld in eine Übernachtung in einem Gasthof, fuhren die Strecke von zuhause aus in zwei Tagen und machten sich ein schönes Sportwochenende. Nachdem sie dies in den letzten Jahren mehrmals durchführten und somit die Strecke sehr gut kannten, stand der Entschluss fest: Die Zweitagestour sollte auch am Stück machbar sein.

Am Pfingstsonntag war es dann soweit. Der Wetterbericht verhieß zwar heiße, aber gewitter- und regenfreie Bedingungen. 426 Kilometer und 5.200 Höhenmeter im Aufstieg lagen vor den beiden Radsportlern. Ganz bewusst verzichteten sie auf jegliche Hilfsmittel wie etwa ein Begleitfahrzeug und führten somit die Tour „free solo“ durch. „Wir haben eine Zahnbürste eingesteckt. Zur Not gibt es ja genügend Gasthöfe am Wegesrand, wenn wir es nicht geschafft hätten“ erklärten die beiden die Rückversicherung für die Tour. Die Zahnbürste blieb jedoch unbenutzt, denn knapp 23½ Stunden nach dem Start waren sie gegen 3:45 Uhr morgens wieder zuhause. „Der Scharfrichter war ganz klar der Jaufenpass. Der hätte mir fast das Genick gebrochen. Du kommst vom Timmelsjoch runter und fährst runter ins Passeiertal und gegen eine Wand aus weit über 30 Grad Hitze. Und dann hast Du um halb Fünf nachmittags mit 213 Kilometern in den Haxen nochmals rund 1.300 Höhenmeter im Aufstieg vor Dir,“ bekennt Andreas Wüstefeld. „Wenn Du um kurz vor 9 Uhr abends mit 265 Kilometern auf dem Brenner stehst, es schon dämmert und Du noch eine eigentlich tagesfüllende Strecke von rund 160 Kilometern vor Dir hast, dann ist es besser, Du denkst darüber nicht weiter nach,“ bringt Stephan Kraus einen Erfolgsfaktor auf den Punkt: nämlich, dass solche Touren im Kopf entschieden werden. Denn physisch haben sich beide gut vorbereitet, haben den milden Winter genutzt, um viele Kilometer runterzuspulen und nutzen nahezu täglich ihren Weg in die Arbeit von rund 50 Kilometern als Radstrecke. „Ob es an diesem Tag klappt oder nicht, spürst Du eigentlich schon nach 10 Kilometern. Dann heißt es ganz ruhig und defensiv fahren, niemals überziehen – und ganz regelmäßig essen und trinken. Das gilt dann auch für den Espresso in Südtirol, denn da sind wir schon ganz schön müde geworden,“ erläutert Andreas Wüstefeld. Geschafft haben es beide als Teamleistung in rund 19½ Stunden reiner Fahrzeit. Die Strecke führte sie vom Oberland über Bad Tölz und Mittenwald ins Inntal, hinauf in die Gletscherzone des Ötztals, über das Timmelsjoch nach Südtirol ins subtropische Klima des Passeiertals, über den Jaufenpass nach Sterzing, über den Brenner zurück ins Inntal und von dort aus über den Achensee und Tegernsee nach Hause.

Diese Ausdauer-Tour zeigt, dass man sich im Radsport auch ganz ohne den Wettkampfgedanken einiges abverlangen kann…